Was bleibt vom Bergbau im Saarland?
Z. B. die Landmarke auf der
Endsorfer Halde Duhamel.

Was bleibt, wenn im Juni 2012 nach zweihundertfünfzig Jahren der Bergbau auf Steinkohlen im Saarland endet? Wie man’s auch dreht und wendet, es endet. Wie hat der Bergbau in der Zeit, in der er diese Region so ganz entscheidend mitgeprägt hat, Kontur und Gesicht des „Saargebiets“ mitgestaltete, das ohne ihn nie „Land“ geworden wäre, sich gedreht, gewendet, sich, nicht nur erst zuletzt, gar gewunden? Und das Land immer mit. Und jetzt? Der Bergbau im Saarland endet.

Wie will man damit umgehen in einem Land, das sich im Alltag kaum mehr daran erinnert, wo es herkommt, wie es entstanden ist und was prägend für es war? Drücken Sie Kindern oder Erwachsenen unter vierzig ein Stück Kohle in die Hand: Nur wenige werden wissen, was das ist – außer „dreckig“. Und eben genau „dreckig“ ist das nicht, wie Herr Breinig, Direktor des Bergwerks Saar Delf Slotta und mir unlängst freundlich erklärte: „Das ist kein Dreck, das ist Kohle!“

Die Versuchung ist naheliegend und nur zu verständlich, den Bergbau an der Saar sang- und klanglos enden zu lassen und fürderhin allein der bergmännischen Traditionspflege zu überlassen. Das spart nicht nur Geld, sondern auch die Wellen, die hochschwappen, wenn Bergbaugegner wieder vehement ihre Stimmen erheben.

Doch nein, so geht das nicht. Viel zu oft is es schon genau so gegangen: einfach geschichtsvergessen Schwamm drüber, hat’s nie gegeben, alle Denkmale und Symbole weg, sofort Neuanfang, Strukturwandel, Wende! Dabei ist das ja oft an sich richtig, im Prinzip, aber irgendwie meine ich, manchmal ist langsam und der Reihe nach besser. Ich wäre froh, – und bitte versteh’ mich keine/r falsch – ich könnte mir heute noch irgendwo eine der monumentalen Hitler-Statuen ansehen, die es bestimmt mal en masse gegeben hat. Einmal davor stehen, emporschauen und vor Entsetzen erschauern; „Dat lernt uns wat.“, wie der Berliner sagt. Oder einem 30 Meter breiten Karl-Marx-Schädel gegenüberstehen in Weißnichtwogüldenerstedt. Das packt doch jede/n, allein schon die Vorstellung. Das live erleben zu können anstatt nur in Büchern und im Internet davon zu lesen, vielleicht Bilder davon zu sehen, das kann Menschen ein Gefühl davon geben dafür, was – und wie’s – einmal war, früher.

Was bleibt also vom Bergbau im Saarland? „Mehr als man meint.“, sagt Delf Slotta, Regierungs-Oberrat sowie Leiter des Projekts „Netzwerk der IndustriekulturSaar“, Mitglied des Landesdenkmalrats und dem Bergbau seit vielen Jahren als Kenner und Bewahrer bergmännischer Kunst und Kultur beruflich wie ehrenamtlich verbunden.

Wir bleiben – wir Menschen im Saarland. Wir werden bleiben, nicht alle, einige werden weggehen, klar, aber die meisten – und die Nachgeborenen – werden bleiben. Bleiben, genau so wie die nur scheinbar unübersehbaren Relikte des Bergbaus, die einfach nicht zurückgebaut werden können; sei es, dass sie zu Recht als bauliche Denkmale erhalten und gepflegt werden wie Teile imposanter Tagesanlagen mit welthöchsten Fördergerüsten oder weil sie andererseits einfach nur zu groß zum Wegmachen sind: die Halden, Halden über Halden, die der Bergbau wie ein Riese aus dem Märchen als „Häufchen“ übers Land verstreut hat, auf dass es gedeihe. Und das Land gedieh.

An die 90 Halden existieren im Saarland als Hinterlassenschaft des Bergbaus, die meisten mittlerweile von Vegetation so überzogen, dass sie nicht mehr als solche kenntlich sind und als Bestandteil der natürlichen Landschaft angesehen und empfunden werden. Etwa 20 Halden jedoch sind noch offensichtlich als solche erkennbar, und das auch, weil sich ein Paradigmenwechsel vollzogen hat und Halden mittlerweile nicht mehr möglichst unscheinbar kaschiert werden, sondern ihre Künstlichkeit und teilweise Monumentalität betonend (um- und neu-) gestaltet werden. Viele davon sind inzwischen für die Öffentlichkeit zugänglich; manche entwickeln sich zu Orten der Freizeitgestaltung und Erholung. Ihre Gipfel zieren Gipfelkreuze, Kunstinstallationen und Aussichtsplattformen. Andere fristen ihr Dasein weitgehend unbeachtet, versteckt, noch immer fast im Geheimen.

Die RAG hatte einen offenen Ideenwettberwerb für eine „Landmarke zum Ende des Bergbaus auf der Halde Duhamel beim Bergwerk Saar in Ensdorf ausgeschrieben, 147 Entwürfe wurden eingereicht, und vor ein paar Tagen, am 4. Mai, wurde die Entscheidung bekannt gegeben. Am 30. Juni 2012 soll die Landmarke schon eingeweiht werden.

„Ein weithin sichtbares Bau- oder Kunstwerk soll auf dem Haldenplateau geschaffen werden, das auch bei Dunkelheit durch entsprechende Beleuchtungseffekte auffällig ist. Die Landmarke soll eine Referenz an 250 Jahre Bergbau an der Saar darstellen, gleichzeitig auf die Zukunft der Region verweisen, und einen Identifikationspunkt bilden, der über die Grenzen des Saarlandes hinaus seine Wirkung entfaltet.“

[ Ausschreibungstext RAG ]

Ich war sehr gespannt auf das Ergebnis und hatte sogar selbst eine Idee, aber da ich weder Architekt noch Landschaftsarchitekt oder Bauingenieur bin und – obwohl Saarländer – keine solchen kenne, die diese Ochsentour auf sich nehmen wollten, so ganz ohne Honorar, nur mit der Aussicht auf ein relativ geringes Preisgeld und eine öffentliche Ausstellung der eingereichten Arbeiten, und das dann womöglich noch unter Zulauf echauffiert Eier werfender Bergbaugegner…

Dabei bestach meine Idee durch genau das, was man sonst gerne „zwingend“ nennt und wurde auch von führenden saarländischen Industriekulturexperten sowie ebensolchen aus Berlin favorisiert, wenn’s letzteren auch im Entwurf eindeutig an Chrom mangelte, aber… wie gesagt, ich bin kein Architekt, bloß Grafiker. Die Kostenlatte von 500.000 Euro hätte sie auch gerissen, so gut und gerne bei 2 Millionen, grob geschätzt. Außerdem wär’s die absolute Inkarnation des Klischees geworden, hätte aber – wohl genau deswegen – voll und ganz gepasst und auch die immer wieder im „Unterton“ gewünschte Attraktionskraft für den (Industriekultur-) Tourismus im Saarland nachhaltig enfalten helfen können: Bergbaubegeisterte aus alles Welt hätten das sehen, begehen und sich darauf und davor gerne knipsen lassen. Tatsächlich bin ich froh, dass nichts draus geworden ist und dass ich meinen zahlreichen Enkeln später nicht erklären muss, wieso der Opa so ein komisch blinkendes Ding auf den Berg links neben der Autobahn Richtung Sarbrücken gestellt hat. Dieser Kelch geht an mir vorüber; man kann ja auch mal Glück haben.

landmarke_ensdorf

„Der erste Preis beim Ideenwettbewerb „Landmarke zum Ende des Bergbaus“ im Saarland ist an die beiden Berliner Architekten Katja Pfeiffer und Oliver Sachse vergeben worden. Ihr Entwurf einer begehbaren Groß-Skulptur aus Stahl für die Halde Duhamel in Ensdorf ist vom Preisgericht als beste gestalterische Idee für den Wandel der Region ausgezeichnet worden.

Durch ihre Größe von fast 30 Metern Höhe ist die Skulptur weithin sichtbar und kann auch nachts, wenn die Figur von innen heraus beleuchtet wird, wahrgenommen werden. Sie lädt den Besucher des Haldenplateaus ein, ihre obere Plattform zu besteigen, um von dort aus einen Rundblick zu genießen. Die sich in ihrer Erscheinung wandelnde Skulptur lässt je nach Blickwinkel unterschiedliche Deutungen zu.

Das Preisgericht hob in seiner Beurteilung besonders hervor: „Es überzeugt die starke Zeichenhaftigkeit, die sehr geschickte Integration der Bergbaugeschichte in die Formensprache, die unterschiedlichen Sichtperspektiven, die aus jeder Richtung komplett neue Formen hervorrufen. Der Torcharakter symbolisiert den Beginn einer neuen Epoche. Die Landmarke wird zu einem attraktiven Anziehungspunkt auf der Halde werden und ergänzt die Kubatur des Haldenkörpers in schlüssiger Weise.“

Der zweite Preis ging an den Architekten Florian Kirfel aus Weimar für seine „Zerfurchte Erde oder eine Kapelle für die heilige Barbara“. Wie ein Bohrkern steht die Landmarke auf dem Haldenplateau und legt Zeugnis ab über den Zustand unter der Erde mit ihren Schichten und Hohlräumen. Platz drei belegten die Landschaftsarchitekten Stephanie Hackl und Andreas Hofmann aus Eichstätt. Ihre Grundidee bestand aus „Zwei Scheiben – zwei Seiten eines Buches“, eine in der Vergangenheit durch die Geschichte des Bergbaus beschrieben, die andere als leeres Blatt für die noch unbeschriebene Geschichte der Zukunft der Region. Einen Sonderpreis hat die Jury an Daniel Widrig aus London mit Walter Widrig zuerkannt. An Preisgeldern wurden insgesamt 20.000 Euro vergeben.

[ RAG-Pressetext ]

Ich find’s gelungen, bleibe gespannt, was die Umsetzung und den Fertigstellungstermin angeht, und freue mich auf die „Erstbesteigung“.

Was sonst noch bleibt? – Wir werden sehen. Sehen Sie selbst!

Eine Reaktion zu “Was bleibt vom Bergbau im Saarland?
Z. B. die Landmarke auf der
Endsorfer Halde Duhamel.”

  1. franz-albert.de » Blog Archiv » Die Ensdorfer Bergehalde Duhamel– Wie steht es ums Saarpolygon?

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