Bergbau und industriekulturelle Vielfalt
im ostlothringischen Kohlenrevier

So hatte der Verein Geographie ohne Grenzen getitelt und versprochen: „Eine Erlebnisfahrt im Oldtimerbus zwischen Stiring-Wendel, Creutzwald und Folschviller“. Wenn dann noch Uwe Zimmermann seinen Mercedes-Bus, Baujahr 1961, souverän steuert und Delf Slotta unvergleichlich kenntnisreich die Reiseleitung übernimmt, sind das Gründe genug für uns, auch an einem Sonntag den Wecker zu stellen. Pünktlich um Neun brausten wir vom Saarbrücker Beethovenplatz los, und kurz darauf brauste auch der Wettergott auf – es ging los mit Regen.

Erster Stopp war Stiring-Wendel. Nach einer kurvenreichen Fahrt durch die historische Arbeitersiedlung machten wir Station am Malakoffturm der Steinkohlengrube St. Marthe. 1852 erbaut, war der Turm nur zwei Jahre lang in Betrieb; die Probleme mit dem Wasser unter Tage bekam man nicht in den Griff. Trotzdem kommt dem Turm große Bedeutung zu; ist er doch der einzige erhaltene seiner Art weit und breit dies- und jenseits der deutsch-französischen Grenze.

Weiter zur Puits Simon, ebenfalls in Stiring-Wendel gelegen, war’s nur ein Katzensprung. Hier starben 1985 bei einer Schlagwetterexplosion 22 lothringische Bergleute. Ein sehr sinnig und sehr typisch französisch gestaltetes Mahnmal direkt vor dem Eingang zum Grubengelände erinnert an sie und ganz allgemein an die großen Gefahren für die Arbeiter im Bergbau. Im Regen ein paar Blicke durch Löcher im Zaun zu erhaschen, ließ die diesem Ort gebührende Begeisterung nicht so recht aufkommen; eine kleine Tour hierhin auf eigene Faust und bei besserem Licht steht in den nächsten Tagen an.

Von hier fuhren wir zur Anlage St. Charles, die trotz schlechter Rahmenbedingungen dank der Arbeit des sich um sie bemühenden, französischen Bergarbeitervereins begeistern kann. Trotz drohenden Verfalls einzelner Anlageteile und überwiegend unattraktiver Folgenutzungs-Lösungen darf ihr Fortbestand als gesichert gelten. Letztlich dürfte die große Nähe zum nur drei Kilometer entfernten Musée de La Mine, Carreau Wendel dafür verantwortlich sein, dass aus diesem großräumig erhaltenen Ensemble nicht mehr entwickelt wird. Aber man muss wohl schon froh sein, wenn’s nicht ganz plattgemacht wird.

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Das Carreau Wendel, heute Musée de La Mine, war auch unserer nächste Station, und obwohl wir erst vor vier Wochen zum letzten Mal hier waren, erfuhren wir von Delf heute viel Neues darüber. Zum gänzlichen Umrunden des riesigen Komplexes wie zu einem Abstecher auf die gigantische Halde fehlte die Zeit, aber der kleine Spaziergang entlang der Nordseite bot uns beeindruckende neue An- und Aussichten. Konsequent weiter entwickelt könnte „La Mine“ einen musealen Stellenwert für den französischen Bergbau erlangen, fast vergleichbar mit dem der Essener Welterbestätte Zeche Zollverein für den Bergbau in Deutschland. Aber Paris ist weit, dort wird letztlich alles entschieden, und leider muss man davon ausgehen, dass dort kein allzu großes Interesse an Ostlothringen besteht, dem – pardon – „Arsch der Welt“ von Frankreich.

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Danach stand die Mittagspause an, und weil in Petite-Rosselle sonntags so ziemlich alles geschlossen hat, ging’s kurz über die Rossel ins deutsche Großrosseln, wo einige Mitreisende ein Restaurant aufsuchten, wir uns für ein Eiscafé entschieden und nach dem Dessert unsere mitgebrachten belegten Brötchen verdrückten, bei mittlerweile strahlendem Sonnenschein und mit Blick auf die Rossel.

Nach der Mittagspause ging es wieder über die Grenze zur französischen Siedlung „Belle Roche“, die nach dem Vorbild der britischen Gartenstadtbewegung errichtet wurde und selbst nach heutigen Anforderungen als priviligierte Wohngegend angesehen werden darf, wenn auch der Autobahnbau quer durch ihre Mitte rund 50 der ehemals 350 Häuser kostete und das gewachsene Zusammenleben in der Siedlung empfindlich und nachhaltig (zer-) stört hat.

Diametral entgegengesetzt das damalige Konzept zur Errichtung der Cité Reumaux: Hier konnten die Arbeiter mit ihren Familien in allernächster Nähe zur Grube wohnen und ein bisschen Gartenbau betreiben. Eine Infrastruktur mit Geschäften, Läden, Kaffeeküchen usw. wie im preußischen Bergarbeiter-Wohnungswesen gab es hier nicht. Alles, was der Garten nicht hergab, musste „unten“ im Ort besorgt werden. Durch die Privatisierung der Siedlung, d. h. den Verkauf der Häuser, verliert die Siedlung nach und nach ihr einheitliches Gesicht; der bestens bekannte, „gute“ französische Geschmack treibt fröhliche Blüten und setzt sich nach und nach durch. Natürlich gibt es auch hier löbliche Ausnahmen, aber der Ensemble-Charakter bleibt zusehends auf der Strecke. Am Rand der Siedlung gähnt der Abgrund einer Carrière, wie man in Frankreich Sand- und Kiesgruben nennt: Unmengen Sand wurden abgebaut und in die ausgebeuteten Stollen unter Tage verfüllt, um deren Einstürzen zu verhindern.

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Dann ging’s in eine benachbarte Siedlung, die Cité Jeanne d’Arc, wo zwischen Häusern gut versteckt, ein kleiner Spazierweg abbiegt, auf dem man nach kaum mehr als hundert Metern zu einer Stelle gelangt, die einen einzigartigen Ausblick bietet auf das rot lackierte Doppelbock-Fördergerüst von St. Fonaine. Dahinder die beiden Gipfel der „Terrils“, wie hier Halden heißen – ein Sinnbild für den Bergbau schlechthin, mit all seiner Landschaft prägenden wie zerstörenden Gestaltungskraft. Hinter den beiden massigen Haldenkörpern, von hier nicht zu sehen, liegen die beiden gigantischen Carrières von Freyming-Merlebach und L’Hopital, zu deren Rand wir danach auch noch einen kleinen Abstecher machten, ohne uns zuvor an St. Fontaine sattgesehen zu haben; wahrscheinlich geht das auch gar nicht.

[ zu einem Artikel über die große Carrière ]

Von der großen Carrière ging’s dann im mittlerweile brütend heißen Bus weiter zum letzten Highlight des Tages. Ein Bus von 1961 verfügt natürlich nicht über eine Klimaanlage; Herr Zimmermann macht das Manko wett durchs kostenlose Verteilen gekühlter Getränke. Vielen Dank dafür, denn der Inhalt unserer mitgebrachten Wasserflaschen näherte sich langsam dem Siedepunkt. Unser Ziel Folschviller war wegen einiger gesperrter Straßen und unklarer Umleitungsbeschilderung unerwartet schwierig zu erreichen, aber Uwe Zimmermann und Delf gaben nicht auf, und mit etwas Verspätung kamen wir dann doch an dem einzigartigen Förderturm aus mittlerweile rostigem Stahl an. Auch um ihn herun hat man die Tagesanlagen weitgehend dem Erdboden gleich gemacht; ein unattraktives Gewerbegebiet ist entstanden, aber immerhin: Der Turm steht noch. Wie lange noch, kann niemand sagen. Dabei gibt es meines Wissens nach keinen zweiten dieser Bauart weltweit.

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[ zu einem PopArt-Bild des Folschviller Hammerkopfturms ]

Obwohl ich außer Folschviller alle angefahrenen Orte schon kannte, zumindest schon einmal da gewesen bin, und wir wegen des Motorlärms von Delfs Ausführungen im Bus nur jedes dritte Wort verstehen konnten, war’s höchst unterhaltsam und informativ. Erhalt und Pflege industriekultureller Denkmäler ist und bleibt auf beiden Seiten der Grenze ein schwieriges Thema. Umso wichtiger und dankenswerter ist das Engagement, mit dem Menschen wie Delf Slotta, Organisationen wie der Verein Geographie ohne Grenzen und die Evangelische Akademie im Saarland, um nur einige zu nennen, das Wissen und die Kenntnisse um diese historischen Dinge und Orte weiter geben, insbesondere auch an junge Menschen, weil sonst in hundert Jahren von all dem nichts mehr übrig sein wird. So war mein Neffe heute mitgekommen, und es freut mich besonders, dass es für ihn kein langweiliger oder gar verlorener Tag war; dabei hat er wahrlich genug anderes um die Ohren.

Etwa zwanzig Minuten später als geplant waren wir zurück in Saarbrücken und erfreuten uns im eigenen Auto dann doch sehr an den Segnungen des technischen Fortschritts, allen voran an der Klimaanlage.

Nächsten Samstag geht’s – wieder mit Delf und Herrn Bendzulla von der Evangelischen Akademie im Bus „Immer die Saar entlang. Unserer industriellen Vergangenheit und Gegenwart auf der Spur. Ein Fotoworkshop“. Wir sind gespannt und freuen uns schon sehr darauf. Es sollen noch Plätze frei sein.

[ zum Foto-Workshop der Evangelischen Akademie ]

[ zu PopArt-Bildern ostlothringischer Bergbau-Relikte ]

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