Immer der Saar entlang –
unserer industriellen Vergangenheit und Gegenwart auf der Spur

Die evangelische Akademie im Saarland hatte zum Fotoworkshop mit Hans Bendzulla und Delf Slotta eingeladen. Ich wollte meine Frau nicht überstrapazieren à la „jeden Samstag ist der weg“ und hatte die Einladung vorsorglich ignoriert, aber ihr hatte der letzte Sonntag mit dem Oldtimerbus quer durchs ostlothringische Kohlerevier so gut gefallen, dass sie, als Delf nachfragte, ob wir da auch wieder dabei wären, „Ja“ sagte und wir uns noch letzten Sonntag abends online anmeldeten.

Der moderne Reisebus der Neuzeit, der morgens um halb neun unweit der Goldenen Bremm bereit stand, war zwar weit weniger charmant und stimmungsvoll als der Odtimer vom letzten Sonntag, dafür aber viel komfortabler und leiser. Wir verstanden alle Ausführungen „über Mikro“ und konnten sogar Konversation führen. Alles war gut, und auch das gemeinsame Absackerbier in der Mettlacher Abteibrauerei, voll Bio und naturtrüb, war spitze. Nur, bis es so weit war, war einiges passiert und es gab viel zu sehen:

Los ging’s saarabwärts nach Kleinblittersdorf, zur dortigen „Freundschaftsbrücke“.

„Die Freundschaftsbrücke (frz.: Pont de l’amitié) überquert südlich von Saarbrücken die Saar und verbindet die heutzutage saarländische Gemeinde Kleinblittersdorf mit dem lothringischen Grosbliederstroff.

Die Idee zu einer Brücke zwischen den beiden jahrhundertelang zusammengehörenden Orten entstand bereits in den 1860er-Jahren; realisiert wurde sie erst 1880. Zu Beginn des Zweiten Weltkrieges zerstört, wurde sie 1964 neu errichtet. Ihr heutiger Bau, eine reine Fußgängerbrücke, entstand 1993.

Sie besticht weder durch architektonische Kühnheit noch durch rekordverdächtige Ausmaße. Dafür lässt sich an ihrer wechselvollen Geschichte die Entwicklung des deutsch-französischen Verhältnisses von der „Erbfeindschaft“ zur engen Partnerschaft innerhalb der Europäischen Union ablesen, wie sie insbesondere seit Inkrafttreten des Élysée-Vertrages von 1963 entstand. Teilweise war die Brücke Grenzübergang zwischen Frankreich und Deutschland, dazwischen hatte sie zeitweise immer wieder den Charakter eines innerdeutschen beziehungsweise innerfranzösischen Bauwerks.

[ wikipedia ]

Mir war die industriekulturelle Bedeutung Kleinblittersdorfs unklar, aber natürlich hat Delf Recht: Ohne die schiffbar gemachte Saar hätten die frühen industriellen Anfänge hierzulande niemals überregionale Bedeutung erlangt. In genau diesem Sinne ging’s weiter nach Güdingen, zur Alten Schleuse, der ersten am Saarlauf und heute noch fast vollständig original erhalten, außerdem ein sehr schönes und deshalb beliebtes Aussflugsziel. Unsere nächste Station war der Saarbrücker Bürgerpark. In der zweiten Hälfte der 1980er Jahre entstand nach Plänen des international tätigen Architekturbüros Latz+Partner auf dem brach gefallenen Gelände des ehemaligen Saarbrücker Kohlehafens ein neun Hektar großer „postmoderner“ Stadtpark. Dass für die Gestaltung der Parkanlage Fundstücke von dem alten Industriegelände Verwendung fanden und weite Teile der Flächen „sich selbst übnerlassen“ wurden, galt damals als revolutionär und traf weit verbreitet auf erbitterten Widerstand. Heute regt der Bürgerpark die Gemüter nicht mehr auf, im Gegenteil: Er ist weitgehend in Vergessenheit geraten und findet wenig Beachtung bei der Bevölkerung. Eine Saarbrücker Mitreisende kannte ihn gar nicht, hatte nie von ihm gehört. Anderen gilt er wegen der Nähe zu den nicht bestbeleumundeten Stadtteilen Malstatt und Burbach als „unsicher“; man hat halt immer die Angst, die man sich selber macht. Einerseits ist es bedauerlich, dass diese grandiose Parkanlage direkt an der Saar nicht mehr Freunde findet, andererseits ist es uns immer wieder ein großer Genuss, ihn „fast für uns alleine zu haben“. Schade, dass er für den Bau des Saarbrücker Großraumkinos „CineStar“ ein gut’ Stück seiner Fläche abtreten musste, und auch der weithin sichtbare Kinobau hätte architektonisch gerne etwas anspruchsvoller ausfallen dürfen, aber auch das ist letztlich nur ein Zweckbau der Unterhaltungsindustrie; ja, Industriekultur findet sich auch oft dort, wo man sie auf Anhieb gar nicht vermutet.

[ Zur Projektbeschreibung des Saarbrücker Bürgerparks
der Architekten Latz + Partner ]

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Nach einem kleinen Zwischenstopp beim alten Schleusenwärteranwesen, noch zu Klarenthal gehörend, und einem kleinen Spaziergang ’runter zum Saarufer, von wo man einen guten Blick auf die Reste der Luisenthaler Kaimauern und die beiden Förgerüste der Richard-Schächte hat, ließen wir Saarbrücken hinter uns, fuhren am Kraftwerk Fenne vorbei bis zum Völklinger Stadtteil Wehrden, wo am Hafen gerade das Völklinger „Saar-Fest“ im Gange war. Hier hielten wir auch Mittagspause, aber statt die örtliche Gastronomie zu beglücken oder einen Abstecher über die Brücke zum Weltkulturerbe Völklinger Hütte zu machen, zogen wir es vor, durch Wehrden zu stromern und aßen nur ein schnelles Baguette von einem der vielen Stände am Hafen.

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Wehrden ist so ziemlich die letzte Ecke in Völklingen, wo man die industrielle Vergangenheit der Hüttenstadt an der Saar noch richtig „atmen“ kann.

[ zu einem Spaziergang in Wehrden ]

[ zu einem Abendspaziergang entlang der Saar in Wehrden ]

[ …und auch hier kommt Wehrden vor,
wenn auch nur am Rande. ]

Von Wehrden ging’s weiter nach Wadgassen, wo wir Halt machten an der alten Cristallerie. Neben – und schon lange vor – der allseits bekannten Montanindustrie mit Kohle und Stahl, wurden im Saarland in großem Stil Glas- und Keramikwaren hergestellt, was zum Aufstieg der Familien Villeroy und Von Boch führte.

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Beredt Auskunft über deren immensen Wohlstand gibt neben dem Schloss Villeroy in Wallerfangen das feudale Anwesen der Von Bochs an der Saar in Mettlach, wo wir besonders das Gästehaus und den Marstall, die ehemalige Unterkunft für Pferde und Kutschen, in Augenschein nahmen.

Dazwischen gab es noch einen Stopp vor dem Haupttor der Dillinger Hütte mit Blick auf die riesige Serra-Plastik und einen am Bahnhof in Beckingen, einem der schönsten und originellsten im ganzen Saarland. Leider ist er z. Zt. zu Restaurierungszwecken vollständig eingerüstet, weswegen ich mir lieber etwas abseits von ihm die Reste der alten Schraubenfabrik ansah, wegen deren Arbeiter der Bahnhof einst überhaupt gebaut worden war. Gerne hätte uns Delf Slotta noch die Heilquelle in Bietzen gezeigt, aber für einen modernen Reisebus gibt es dort, direkt an der B51 gelegen, leider weit und breit keine ausreichend große Parkmöglichkeit.

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Fassungslos stand ich dann vor der ehemaligen „Garage“ derer von Boch: dem „Marstall“, als Unterkunft von Pferden und Kutschen der Familie ein Denkmal für den damals als statusgerechten Vorläufer der heutigen motorisierten Fortbewegungsmittel offenbar besten Freund der Feudalherren: das Pferd, zum edlen Wesen stilisiert und unzählig oft am und ums Haus herum skulptural verewigt; mir fehlen jetzt noch die Worte. Der Park ums Bochsche Familienanwesen im Saarkniebogen ist heutzutage für die Allgemeinheit kostenfrei zugänglich. Und wem der Marstall nicht reicht, dem gibt das Gästehaus der Familie den Rest. Sicher, nicht annähernd so pompös wie das der Familie Krupp in Essen, aber doch völlig ausreichend, um das Sozialgefälle zu verdeutlichen, das einst wie heute zwischen denen herrscht, die die Werte schaffen und denen, die sie genießen.

Danach machten wir noch einen Abstecher in die Mettlacher St. Ludwinus-Kirche, die neben bedeutenden Reliquien auch das komplette Angebotsspektrum an Glas- und Keramikkunsthandwerk von Villeroy & Boch zeigt – ebenfalls sehr sehenswert.

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Danach musste ein Bier her, und das naturtrübe Mettlacher Abteibräu der dortigen Bio-Brauerei war gerade richtig. Dieser Tag mit seiner Parforcetour durchs Saartal bot immensen Input, der alle Beteiligten sicher noch lange beschäftigen wird. Hans Bendzulla von der evangelischen Akademie im Saarland und Delf Slotta, heute als Direktor des Instituts für Landeskunde im Saarland e. V. mit uns unterwegs gebührt Dank für ihr unermüdliches Engagement bei der Planung und Durchführung solcher Veranstaltungen und für die vielen fundierten Informationen, die sie immer wieder gerne weitergeben. Ohne dies wäre vieles wahrscheinlich schon längst vergessen, zumindest ich wüsste von vielem nichts…

[ zur Evangelischen Akademie im Saarland ]

[ zum Institut für Landeskunde im Saarland e. V. ]

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