Heidelberg auf touristischen Pfaden
und jenseits davon:
Deutsche Romantik und Industriekultur

Meine Frau hatte einen Abendtermin in Heidelberg und keine Lust, spät nachts wieder zurück zu fahren. So entschlossen wir uns zu einem wirklich ganz kurzen Kurzurlaub und den Tag darauf gemeinsam durch Heidelberg zu streifen. Gar nicht so einfach, in einer internationalen Touristenhochburg wie Heidelberg eine zentral gelegene und preiswerte Übernachtungsmöglichkeit zu finden, aber wir hatten Glück: Nur zehn Gehminuten von ihrem Ziel fanden wir ein nettes Doppelzimmer in „Steffis Hostel“ und fühlten uns auch noch nicht zu alt, mit Bad und Toiletten auf dem Flur und den reisenden Söhnen und Töchtern des internationalen Bildungsbürgertums im Frühstücksraum eines Backpackerhostels zurecht zu kommen.

Das Hostel belegt zwei Etagen in einer ehemaligen Tabakfabrik, die sicher bald in frischem Glanz erstrahlen wird. Uns jedenfalls hat die noch überall sichtbare, authentische Patina nicht gestört, im Gegenteil. Einige der jungen Leute im Hostel warfen mir altem Knacker zwar abschätzige Blicke zu; andere waren dafür umso freundlicher und zuvorkommender.

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[ zu den Seiten von Steffis Hostel in Heidelberg ]

Während meine Frau im Foyer der Stadtbibliothek ihrem Vortrag lauschte, spazierte ich das Neckarufer entlang bis zur „Alten Brücke“ mit dem historischen Stadttor, wo man sogar unter Palmen sitzen kann. Aber auch ohne diese hätte ich dank der abendlichen Lichtstimmung keine Mühe gehabt, mich für Augenblicke an einen der oberitalienischen Seen versetzt zu fühlen.

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Danach ging’s hundemüde ins Bett, und nach einer ruhigen Nacht und dem leider an französische Hotels erinnernden Hostel-Frühstück gingen wir über den Wehrsteg am kleinen Kraftwerk Wieblingen und danach ein gutes Stück am gegenüberliegenden Neckarufer entlang.

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Am Nordufer des Neckar kommt man dem Fluss recht nahe, die Aue dient den Heidelbergern als Naherholungsraum. Es wird geskatet, gejoggt und Cricket gespielt, und natürlich wie überall in Heidelberg sehr viel Rad gefahren. Insgesamt macht Heidelberg jenseits der touristischen Anziehungspunkte einen vergleichsweise entspannten Eindruck auf den Besucher. Auto fahren geht für eine größere deutsche Stadt erstaunlich stressfrei; man merkt schon, dass man in Baden-Württemberg ist, nur die Grünanlagen sind genauso von Hunden voll geschissen wie sonst auch überall.

Nach einem nicht ganz so prickelnden Mittagessen – der Restaurant-Tipp der Hostel-Besitzerein ist das einzige, worüber man wirklich meckern könnte – stiegen wir wieder ins Auto und fuhren ohne Navi, Stadtplan oder auch nur rudimentäre Ortskenntnisse an den Rand der Altstadt (das geht in Heidelberg; die Stadt ist übersichtlich) und stürzten uns ins touristische Gewimmel dieses Freilichtmuseums der Deutschen Romantik und des Touristen-Kitsches.

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Dort zu wandeln, wo einst die Großen der deutschen Literatur sich den Blick auf die sie umgebenden Realitäten umnebelnd einherschritten, übers Kopfsteinpflaster -wankten und -torkelten, kann einem schon zu denken geben. Die wohlfeile Orgie des angebotenen Souvenir-Kitsches und Gesprächsfetzen auffangen wie „Look here, darling: expensive watches!“ aber auch. Die Heidelberger Altstadt ist überaus sehenswert, aber die vielen Touristen und das ihretwegen Angebotene trüben den Eindruck und verstellen den Blick aufs Wesentliche. An ihrem westlichen Rand ist sie dann nur noch eine Fußgängerzone wie jede andere, mit Banken-, Fielmann- und Nanunana-Filialen. Das Krankeste, was ich sah, war eine vorbeifahrende Stretch-Limousine auf Hummer-Basis, leider zu schnell zum Fotografieren, wenn die Kamera gerade in der Tasche steckt.

Das aktuell teilweise wegen Restaurierungsarbeiten eingerüstete Schloss schenkten wir uns; wir waren müde vom vielen Laufen und summten leise auf der Heimfahrt den alten Hüttenarbeitersong „Ich hab’ mein Erz in Eidelberg verloren“

„Es war an einem Abend,
Als ich kaum 20 Jahr’.
Da küßt’ ich rote Lippen
Und gold’nes, blondes Haar.
Die Nacht war blau und selig,
Der Neckar silberklar,
Da wußte ich, da wußte ich,
Woran, woran ich war:

Ich hab’ mein Herz in Heidelberg verloren,
In einer lauen Sommernacht.
Ich war verliebt bis über beide Ohren
Und wie ein Röslein hat ihr Mund gelacht.
Und als wir Abschied nahmen vor den Toren
Beim letzten Kuß, da hab ich’s klar erkannt:
Daß ich mein Herz in Heidelberg verloren.
Mein Herz, es schlägt am Neckarstrand.

Und wieder blüht wie damals
Am Neckarstrand der Wein,
Die Jahre sind vergangen,
Und ich bin ganz allein.
Und fragt ihr den Gesellen,
Warum er keine nahm,
Dann sag ich euch, dann sag ich euch,
Ihr Freunde, wie es kam.
Ich hab’ mein Herz . . . . .

Was ist aus dir geworden,
Seitdem ich dich verließ,
Alt-Heidelberg, du Feine,
Du deutsches Paradies?
Ich bin von dir gezogen,
Ließ Leichtsinn, Wein und Glück,
Und sehne mich, und sehne mich
Mein Leben lang zurück.
Ich hab’ mein Herz . . . . . .“

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