„Durch Koksofen und Meistergang“ –
Weltkulturerbe Kokerei Zollverein in Essen

Der Weg von der Essener Schurenbachhalde zur Kokerei Zollverein an „Arendahls Wiese“ wäre dank der im Ruhrgebiet vorbildlichen Ausschilderung der Route der Industriekultur wohl auch ohne Navi leicht zu finden gewesen. Im Verbund mit der Zeche Zollverein, die wir vor zwei Jahren schon besucht hatten, bildete die Kokerei wohl eine der größten Konglomerationen des Steinkohlenbergbaus in Europa. Auf rund einhundert Hektar erstrecken sich die Anlagen der 1986 stillgelegten Zeche und der Kokerei, die im Jahr 1993 dicht machte. 2001 erfolgte die Aufnahme in die Welterbeliste der UNESCO; „Erhalt durch Umnutzung“ lautet das Konzept der Stiftung, die das gigantische Areal verwaltet und ständig weiter entwickelt. Dass dabei konservatorische Standards und museale Bedeutung nicht zu kurz kommen, dafür bürgt der Welterbestatus; so verlangt die UNESCO den Rückbau des „Sonnenrades“. Das nabenlose Riesenrad ist ein Publikumsmagnet und bietet fantastische Einblicke ins Innere der Koksöfen, aber „passen“ tut’s natürlich kein Bisschen.

Das Außengelände kann – wie bei der nahen Zeche – bei freiem Eintritt auf eigene Faust erkundet werden. Aber da ich die Kokerei auch von innen erleben wollte, löste ich ein Ticket für die Führung. Eine halbe Stunde blieb zum Rumstromern; dann ging’s los. Und zwar – natürlich – mit einem kleinen Technik-Exkurs, den ich als Bergmannssohn und regelmäßigem Besucher der Völklinger Hütte mit Berlin-Hintergrund mit routiniert-gelangweilter „Weeß’ ick, kenn’ ick, war ick’ schon-Attitüde“ über mich ergehen lassen wollte.

Dass für zwei aus Bayern angereiste Teilnehmer so grundlegende Begriffe wie „Zeche“, „Schacht“ und „Stollen“ geklärt werden mussten, war zwar einerseits überaus erstaunlich, weil sie gerade von einer Führung über die Zeche Zollverein kamen, und zweitens tatsächlich langweilig, aber – wer hätte das gedacht: Auch ich erfuhr durchaus noch Neues bei dieser Führung. Die ehemals größte Zentralkokerei Europas ist nicht nur von den Dimensionen und ihrer Inszenierung als Welterbestätte her etwas ander(e)s als die der Völklinger Hütte. Das merkt man schnell während der gut zweistündigen Führung, die ziemlich konsequent dem Weg der Kohle folgt, von deren Anlieferung über ihre Verkokung, bis zum Rauchgas, das die Schornsteine früher rauchen ließ.

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Nachdem wir uns in luftige Höhen geschwungen und beeindruckende Aus- und Weitblicke genossen hatten, ging es in die Innereien des gewaltigen Koloss’. In der Mischanlage durften wir einige Blicke auf die Video-Installation „Current“ werfen, in der die israelische Künstlerin Michal Rovner noch bis zum 30. September Filmsequenzen von Menschen auf die nackten Betonwände projiziert, die sich gehend, laufend, rennend, in „sozialen Choreografien“ zu Skulpturen und Texten gruppieren. Allzu eingehend betrachten durften wir das allerdings leider nicht, da der Besuch der Ausstellung im Preis der Führung nicht enthalten ist. Fotografieren durfte man natürlich auch nicht.

Nach einem entspannten Spaziergang auf dem „Dach“ der Koksbatterien ging es in deren Innerstes: Wo früher bei 1000 Grad Celsius aus Kohle Koks „gebacken“ wurde, hat man – ähnlich der Völklinger Möllerhalle – Schnitte eingefügt, so dass auch dieser absolute „Nichtort“ für die Allgemeinheit zugänglich geworden ist – überaus beeindruckend!

Noch einen drauf setzte dann der Gang durch die unterirdischen Röhrengänge, durch die früher das bei der Verkokung entstehende Rauchgas in die Schlote geleitet wurde. Sogar ein Blick in einen dieser gigantischen Schornsteine war uns vergönnt. Die knapp hundert Meter sind aus der Perspektive vom Fuß des Schlots nicht zu ahnen. Man blieb bei unter hundert Metern, auch wenn eine größere Höhe aus Umweltschutzgründen wünschenswert gewesen wäre; so sparte man kostspielige Maßnahmen zur Flugsicherung. Ja, in der Industrie wusste man schon immer Prioritäten zu setzen.

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Fazit: In Essen gibt es eine Kokerei der Superlative zu besichtigen. Und die wird auch künftig, ganz ohne Kirmes-Riesenrad, ein höchst attraktives museales Erlebnis bieten. Unsere Führerin wusste Bescheid und verstand es – als Bochumerin, wie sie sagte –, mit schnodderigem Ruhrpottwitz ihr Wissen auch allgemeinverständlich an uns Teilnehmer weiter zu geben. Gewiss, zum Fotografiern hätte ich mir mehr Zeit gewünscht, aber die Stiftung Zollverein bietet zu diesem Zweck gesonderte Führungen an. Interessant fand ich auch, dass wir teilweise an kaum mehr als kniehohen Geländern entlang gingen. Aber diese Führungen sind für Erwachsene, und denen traut man offenbar hier in Essen durchaus zu, ein bisschen Hirn zwischen den Ohren zu balancieren. Bei uns im Saarland darf man nicht mehr aufs Göttelborner Fördergerüst, weil neben dem Aufzug nur eine Treppe vorhanden ist; das war den politisch Verantwortlichen dann irgendwann doch etwas zu wenig für den Fall eines Notfalls…

Und, natürlich, das „Werksschwimmbad“ ist keine Freizeiteinrichtung aus früheren Tagen für die Kokereibeschäftigten. Obwohl die eine solche Möglichkeit zur Abkühlung ganz bestimmt zu schätzen gewusst hätten. Beim Werksschwimmbad handelt es sich um eine Installation der beiden Frankfurter Dirk Paschke und Daniel Milhonic aus dem Jahr 2001. Aus zwei Industriecontainern wurde ein 140 Kubikmeter Wasser fassendes Bassin zusammengeschweißt, und die Besucher der Kokerei aufgefordert, kostenlos davon Gebrauch zu machen und zwischen den Türmen dieser Industriekultur-Kathedrale ein Bad zu nehmen.

P. S.: Täusche ich mich, oder war nicht auch mal im Völklinger Weltkulturerbe von einem „Hüttenbad“ die Rede? Auf jeden Fall habe ich lange nichts mehr davon gehört…

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