Sommerszene 2013 –
Die „guten alten“ Straßentheatertage
sind wieder da.

Seit kaum glaublichen 28 Jahren schon bescheren uns Marion Künster und Charlie Bick – überaus dankenswerter Weise – die Sommerszene, das saarländische Festival des internationalen Straßentheaters. Seit 2007 nur noch alle zwei Jahre; das soll helfen, Geld zu sparen und die Macher zu entlasten, die ja auch – Gott sei Dank – noch anderes zu tun haben. Ich kann mich noch gut erinnern, wie Charlie in den 80ern, nach dem Festival mit einem gigantischen Schuldenberg dastand und nachträglich Sponsoren auftreiben musste, um nicht in die Privatinsolvenz zu schlittern, die damals noch gar nicht erfunden war…

Doch leider hat die Umstellung auf den 2-jährigen Rhythmus die Sorgen um den Fortbestand des Festivals nicht ganz zerstreuen können: Geld für Kultur und Soziales ist knapp; so hat die Stadt Völklingen ihren Beitrag zur Sommerszene gerade mal halbiert. Und das, obwohl soviel Geld da ist wie nie zuvor. Vielleicht nicht gerade in Völklingen, aber insgesamt schon – es ist halt nur scheiße verteilt. Doch das ist – vielleicht – ein anderes Thema.

An 10. Juli ging’s jedenfalls wieder los, und wie immer mit einem Paukenschlag: Nach den gewiss nicht schlechten „La Fanfare en Pétard“, die mit ihrem treibenden Hip-Hop-Brass-Sound durchaus zu begeistern verstanden und schon Stunden vorher am St. Johanner Markt aufgespielt hatten, aber letztlich doch nur als „Vorgruppe“ fungieren konnten, trumpften „Cie Luc Amoros“ auf dem Saarbrücker Schlossplatz als „Opener“ auf, und frag’ nicht, wie…

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Auf und in einem 3-geschossigen Baugerüst führten die – inklusive Musiker – sieben französischen Universalkünstler eine vollkommen neue Kunstform auf. Vor? Elemente klassischen Schattspiels, Malerei, Grafik, Musik, Tanz, Gesang und überaus zivilisationskritische Textbeiträge zu einem stimmigen Gesamtvortrag zu verbinden, mag schon eine große Aufgabe sein, aber sie bringen noch mehr zu Stande: Das Ganze vermag sinnlich zu begeistern, bringt die Hirnmasse zwischen unseren Ohren zum Arbeiten und vermittelt bei aller pessimistischen Weltsicht doch ein positives Gesamterlebnis von wirklich großer – Kunst, auf allerhöchstem Niveau. Obwohl das Gebotene gewiss nicht immer leicht verdaulich war, brandete doch immer wieder Szenenapplaus auf, und nach der Aufführung wollten die Ovationen gar nicht mehr enden. Chapeau, ganz ohne Wenn und Aber.

Straßentheater ist mehr als nur Clowns, Pantomime und Jongleure. Auch wenn es auch von denen in den nächsten 10 Tagen wieder großartige zu bewundern und zu bestaunen geben wird.

Mit der Sommerszene bekommen wir einen Querschnitt der internationalen Straßentheaterszene direkt vor die Haustür geliefert, frei Haus, ganz ohne Dresscode und ohne Eintritt. Nach den Aufführungen werden traditionell Hutsammlungen durchgeführt (Nein, es werden nicht Hüte gesammelt, sondern Geld, und zwar, früher in Hüten, heute in Blechbüchsen.) Sie geben, was Sie wollen, und wenn Sie nichts geben wollen, geben Sie nichts. Theater zum Anfassen, vor der Haustür, noch bis zum 20. Juli, in Saarbrücken, Dudweiler, Völklingen und Dillingen. Der weiteste Weg lohnt, und das detaillierte Programm finden Sie hier:

[ Saarlands Straßentheatertage, die „Sommerszene“ ]

Was ich persönlich ein bisschen schade finde, ist, dass immer mehr Spielorte jenseits „der Straße“ sind. So gerne ich in den Deutsch-Französischen Garten gehe; die Waldbühne dort ist ein Hit… und der kleine Park vor’m Dillinger Schloss ist wunderschön… Trotzdem – ich werde wahrscheinlich langsam alt –, finde ich, dass Straßentheater mitten in die Städte und Dörfer gehört. Die stärkste seiner „Waffen“ ist die Begegnung mit unvorbereiteten Menschen, die einfach nur in ihren eigenen Angelegenheiten unterwegs sind und sich plötzlich, unvorbereitet und unvermittelt mit „Kultur“, in dem Fall mit „Theater“ konfrontiert sehen.

Mir ist klar, dass die Notwendigkeit, ein möglichst großes Publikum zu erreichen, dem entgegenspricht, zumindest im Saarland, aber… schade ist es trotzdem. Und ich erinnere mich mit einem leichten Schauer daran, wie mich vor Jahren in Dillingen eine alte Dame, die seit fast einer Stunde neben mir saß, mich plötzlich unvermittelt fragte, was das hier denn eigentlich sei… Sie war da lang gelaufen, wo sie immer lang läuft, und da war was. Sie blieb stehen und schaute zu, setzte sich irgendwann hin und war begeistert; ich hab’s in ihren Augen gesehen, ganz bestimmt, glauben Sie mir.

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