Denkmaltag und Ausstellungseröffnung:
Weltkulturerbe Völklinger Hütte
zweimal in sechs Tagen

Im Fokus des diesjährigen „Tag des Offenen Denkmals“ am Sonntag, den 8. September sollten „unbequeme“ Denkmale stehen. Denkmale, die von vielen nicht als schön – oder als nicht schön – empfunden werden, Denkmale, die an Ungeliebtes erinnern, Denkmale, die nicht den ästhetischen Massengeschmack bedienen, Denkmale, für die es schwer fällt, gesellschaftlichen Konsens herzustellen – für die Kosten ihrer Erhaltung oder gar für ihre Erhaltung selbst…

Das klang nicht nur interessant, sondern führte auch zu einer langen Liste von Orten im Saarland, die an diesem Tag ausnahmsweise einmal öffentlich zugänglich sein sollten, die das sonst nicht sind. Als vierzehn Jahre nach Kriegsende Geborener, der nicht zuletzt durch Erzählungen der Eltern, von Tanten und Onkeln schon sehr früh im Leben begriff, dass es nichts schlimmeres, nichts verheerendes geben kann als Krieg und Faschismus, „reizte“ mich spontan der Luftschutzbunker in Güdingen unter der Autobahnbrücke, einer der wenigen weit und breit, die nach Kriegsende neu gebaut wurden. Außerdem hatten meine Frau und ich gerade ein Buch gelesen, in dem in Kellern durchzitterte Bombennächte eine nicht geringe Rolle spielten…, also gut: Den Bunker in Güdingen wollten wir uns anschauen.

Doch wie so oft im Leben, kam es anders: Wir hatten an diesem Sonntag lange geschlafen, wollten gemütlich und ausgiebig frühstücken, hatten Lust auf Bewegung, wollten gehen an frischer Luft…, so dass uns der recht frühe (und einzige) Besichtigungstermin doch ziemlich unkomfortabel erschien und wir ihn in großer Gelassenheit verstreichen ließen. Stattdessen machten wir uns dann zu Fuß auf den Weg zum Weltkulturerbe Völklinger Hütte. Okay, wir wohnen in Völklingen, aber ziemlich exakt am anderen Ende der Stadt; es war schon ein veritabler Gang, und eine Runde durchs „Paradies“ sollte ihn krönen, bevor wir uns wieder auf den Heimweg machen wollten. Gesagt, getan.

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Es war wohl dem nicht so freundlichen Wetter geschuldet – und der Tatsache, dass der Tag des freien Eintritts vom Weltkulturerbe im Vorfeld nicht an die große Glocke gehängt worden war: Nur erstaunlich wenige Besucher tummelten sich mit uns auf dem weitläufigen Hüttengelände. Wie wir tags darauf aus „der Zeitung“ erfuhren, gerade mal 730 über den ganzen Tag verteilt; nicht mitgezählt die VIP-Führung von Generaldirektor Prof. Dr. Meinrad Maria Grewenig mit u. a. Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer, deren Weg wir kurz kreuzten. Zum Bunker in Güdingen zog es rund 230, vielleicht ein bisschen viel für nur eine einzige Führung.

Wir waren zufrieden mit unserer Entscheidung am Denkmalstag und waren nur sechs Tage später schon wieder zu Gast im Völklinger Weltkulturerbe. Der aktuelle Ausstellungsevent „Generation Pop“ sollte feierlich und gewohnt fulminant eröffnet werden, u. a. mit einem „Minifestival“ ab 15 Uhr. Eine Led Zeppelin-Coverband, die Gruppe, aus der nach eigenen Angaben die Beatles hervorgegangen waren und ein aktueller Electro-DJ-Act heizten ein, bevor die offiziellen Reden gehalten wurden. Wir machten um beides einen Bogen und schauten uns in Ruhe die Ausstellung an, bevor der ganz große Rummel losging. Meine Erwartungen an solche Edutainment-Events sind nicht sonderlich hoch, aber solch ein heillos wahllos durcheinander erscheinendes Sammelsurium, subsumiert unter dem Markenbegriff Pop, hatte ich dann doch nicht erwartet: Von den Anfängen der Elektrifizierung, erste Konservierung und Wiedergabe von Tönen, Grammophonen, Plattenspielern, Jukeboxen und Tonbandmaschinen über Gitarren von Keith Richards und anderen Rock’n’Roll-Heroen, Madonnas Bühnenhandschuhen, Outfits von Jimi Hendrix, Tuschezeichnungen von John Lennon beim Cunnilingus mit Yoko Ono bis hin zu überaus sehenswerten Aquarellen von Marilyn Manson, einer handschriftlichen Songtextnotiz von Kurt Cobain, Dutzender goldener und Platin-Schallplatten und -CDs…, ersten Apple-Computern, Spielekonsolen, Sixties-Möbeln, orange Telefonen, kugelrunden TV-Geräten, den ersten „Handies“, Plattencovern und Büchern, Konzertplakaten… bis hin zu den vielen – mit am erstaunlichsten in der gesamten Ausstellung – Wanduhren, die nach einer Sammlung von Dachbodenfunden aussehen. 1500 Exponate sind’s, und ist völlig unmöglich, einen Oberbegriff für sie zu finden. Zwischendrin noch ein schlecht gespachtelter Opel Manta mit Rostansatz, ein 1300-er VW Käfer, ein aktuell als Promotionfahrzeug des deutschen Bio-Lebensmittel-Markenartiklers „Rapunzel“ eingesetzte VW-Bully und ein Kabinenroller aus den 50ern: eine BMW Isetta.

Und just, als wir die Isetta in näheren Augenschein nehmen, hält mir unvermittelt ein Reporter des saarländischen Rundfunks sein Mikrofon unter die Nase und fragt, was ich mit dem Gefährt an Emotionen verbinde. Hm. Wie sollte ich ihm erklären, dass ich gerade meiner Frau (die beim Anblick des Mikros schnell und weise das Weite gesucht hat…) erzählte, wie der leider viel zu früh gestorbene, großartige deutsche Schauspieler Andreas Kunze sich in Helge Schneiders grandiosem Filmepos „Praxis Dr. Hasenbein“ in seiner Rolle als Tante Uschi, Chefin des Waisenhauses von „Karges Loch“ (so heißt der Ort, in dem der Film spielt), mühsam in genau so eine Isetta quetscht, und die Tür erst beim dritten erbitterten Versuch über seinem mehr als stattlichen Bauchgewölbe schließen kann… Erklär’ das mal dem SR! Ich versuch’s gar nicht erst und fasele was von „einfacher Technik“, „wie wenig man zum Fahren“ brauche und, dass ich so was gerne mal spaßeshalber selber fahren würde. Leider fragt er mich dann auch noch, was ich von der Ausstellung insgesamt halte, und, nicht routiniert im Umgang mit Medien und überrumpelt, wie ich bin, sage ich es ihm. Gott sei Dank habe ich noch nicht alles gesehen, und ebenfalls Gott sei Dank hört kein Mensch am Sonntagnachmittag SR2.

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Doch ich will mich gar nicht zu sehr im Negativen ergehen: „Generation Pop“ bietet viele Wiedersehen-Momente mit Bekanntem aus Kindheit und Jugend; sie sehen Dinge wieder, die sie früher einmal ihr eigen nannten oder aber gerne ihr eigen genannt hätten. Es war gewiss eine Herkulesarbeit, all die Exponate zusammenzutragen, mit all den vielen hundert Leihgebern zu verhandeln und einig zu werden. Und so begeisternd es ist, was man so alles anstellen kann, wenn nur genug Mittel zur Inszenierung da sind, so schade ist es aber auch, dass man nicht mehr daraus gemacht hat. Wenn Sie sich eine reflektierende Aufarbeitung des Themas Pop versprechen, vielleicht gar Erhellendes, was Wechselwirkungen von Popkultur und gesellschaftlicher Entwicklung angeht, werden Sie herbe enttäuscht; vergessen Sie’s. Aber wenn der Anblick von Rockstar-Reliquien und Promi-Devotionalien Ihr Herz höher schlagen lässt, werden Sie reichhaltig Aufregung finden. Der Promi-Schaulust-Faktor stimmt ebenso wie der heimelige „Weeß ick, kenn’ ick“-Effekt. Und es ist ja auch nicht alles Mist, was glitzert, aber der Erkenntnisgewinn bleibt letztlich denkbar gering.

Trotzdem: Gehen Sie hin, schauen Sie sich’s an, vieles wird Ihnen Freude bereiten, manches vielleicht sogar begeistern, und das Drumherum, die Völklinger Hütte, das Weltkulturerbe an sich, lohnt sowieso immer einen Besuch, auch den weitesten Weg und die zwölf Euro Eintritt – oder zehn, ermäßigt, wenn Sie z. B. Mitglied des ADACs sind. Und wenn Sie es nicht weit haben und nur ab und zu einen Blick auf den einen oder anderen Bereich dort werfen wollen, oder wenn Sie finanziell arm dran sind, dann gehen Sie Dienstagnachmittags, dann ist ab 15 Uhr der Eintritt frei, und zwar fürs gesamte Weltkulturerbe Völklinger Hütte, nicht nur für die jeweils aktuelle Ausstellung.

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