Die Entdeckung der Langsamkeit Im Saarkohlenwald

Zum ersten Mal bot der Verein Geografie ohne Grenzen eine Tour im Oldtimerbus durch den Saarkohlenwald an unter der Leitung von Delf Slotta. Trotz des relativ hohen Preises von 40 Euro war der 38-sitzige Bus fast komplett ausverkauft, und los ging’s am Sonntag früh um Neun am Saarbrücker Beethovenplatz.

Als erste Station steuerten wir Luisenthal an, warfen einen Blick über die Bahngleise auf die beiden Fördergerüste der Grube Luisenthal, wo 1962 eine tragische Katastrophe 299 Bergleute das Laben kostete. Wir erfuhren Grundsätzliches über die Besonderheiten des saarländischen Bergbaus auf Steinkohlen und machten noch einen Abstecher auf die uns bestens vertraute Halde „Richard“. Unter Delfs Leitung erfuhren aber auch dort selbst wir noch Neues.

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Alle angefahrenen Stationen aufzuzählen würde langweilen; aber in Göttelborn gab es eine schöne Überraschung, die nicht im Programm zur Tour veröffentlicht worden war: eine Turmfahrt auf die 74,5 Meter hohe Bühne des Fördergerüstes vom dortigen Schacht IV. Als Kind der 1980er Jahre ist dieser Turm immer noch der modernste weltweit, wenn auch nicht mit seinen knapp über 90 Metern der welthöchste, wie oft und gerne an der Saar behauptet wird. In Finnland steht ein wenig bekannter, der ihn um einiges überragt, aber den kennt kaum eine/r außerhalb Finnlands; außerdem stand der im Dienst der Kupfererzförderung; deshalb „gilt“ er – zumindest hier bei uns an der Saar – nicht.

goettelborn

Weitere Stationen waren Kirschheck, Von der Heydt, Reden, der Itzenplitzer Weiher, der Rechtsschutzsaal in Bildstock, der Brennende Berg, Camphausen und – für mich am beeindruckendsten – eine kleine Seitenstraße in Sulzbach-Altenwald, wo Grubensenkungen zu einem bizarr-kubistischen Straßenbild führten. Erstaunlich, dass Häuserzeilen nicht gemeinsam zu einer Seite hin fallen, sondern wild durcheinander jedes in eine andere Richtung – ein höchst irrealer Eindruck.

von_der_heydt
weitere_tour

Der heimliche Star des Tages war aber eindeutig unser Bus, ein liebevollst restaurierter Mercedes-Reisebus aus dem Jahr 1961 mit 110 PS bei 38 Sitzplätzen; das bürgt für Beschleunigungswerte, über die selbst Mofafahrer milde lächeln dürften. Und bei dem mittelgebirgsähnlichen Höhenprofil im Saarkohlenwald zitterte die Tachnadel an mancher Steigung unterhalb der 25 herum. Von seiner Art gibt es nur noch zwei weitere, fahrbereite Exemplare in Deutschland. Während historische Autos und Motorräder oft liebevoll gepflegt die Jahrzehnte überdauern konnten, wurden Busse wie LKW gnadenlos im täglichen Diensteinsatz „zu Tode geritten“ und schlussendlich meist unsentimental verschrottet.

Dass man vor 40, 50 Jahren so – samt Gepäck für 14 Tage und 38 Personen – über die Alpen gen Italien „düste“, ist heute kaum mehr vorstellbar. Klimaanlage gibt es natürlich auch nicht, aber kostenlos gekühlte Getränke als Service von Herrn Zimmermann, Fahrer, Eigner und Restaurateur des alten Schätzchens, dem hier ein besonderes Dankeschön für Freundlichkeit und Auskunftsfreude während unserer kleinen Zeitreise gelten soll.

Alles in Allem ergaben das herrschende Kaiserwetter, die angefahrenen, wirklich sehenswerten Orte, Delfs kompetenten Erläuterungen dazu, Herr Zimmermann und sein Bus, nette Mitreisende (darunter nicht wenige von Delfs anderen Touren bekannte Gesichter) einen wirklich herrlichen Sonntagsausflug, der – wenn er im kommenden Jahr nochmal zu Stande kommt – vorbehaltlos zu empfehlen ist.

itzenplitz

[ zu einem Pop-Art-Bild des Itzenplitzer Pumpenhauses ]

[ zum „Kraftomnibus“ von 1961 ]

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