Ruhige Tage in Nordrhein-Westfalen

„Unsere Älteste“ feierte in der Nähe von Düsseldorf ihren 30sten Geburtstag, und da mussten wir natürlich hin.

benrath

Nach vier Tagen mit Kindern, Kindeskindern, Tochtermännern, Hunden und Katzen erlaubten wir uns dann noch einen kleinen „Schlenker“ und gönnten uns einen Tag in Essen. Hauptsächlich sehen wollten wir dort „Das schönste Museum der Welt“, die vielgelobte aktuelle Ausstellung im Museum Folkwang, die von den Nazis in alle Welt verkaufte „entartete Kunst” erstmals nach rund 75 Jahren wieder nach Deutschland zurückbringt, mit all den „malenden Helden“ meiner Kindheit – ein Erlebnis, auch wenn die Besucherführung und -information wie auch die Freundlichkeit des Sicherheitspersonal etwas zu wünschen übrig ließen. Vielleicht war einfach nur zu viel los. Ein Erlebnis für sich ist auch der vor wenigen Monaten fertiggestellte und in der Presse hochgelobte Erweiterungsneubau des „Folkwang“ – Chapeau dafür, dass „nüchtern und sachlich“ so begeistern kann.

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Nach einem fantastischen Döner Kebab-Teller mit geschmorten Auberginen (Essen in Essen scheint klasse zu sein…) blieb noch ausreichend Zeit, gemütlich durch die Siedlung „Margarethenhöhe“ zu schlendern. Gestiftet von der Krupp-Witwe Margarethe und erbaut nach dem Vorbild des englischen Gartenstadtkonzepts zwischen 1909 und 1934/38 von Prof. Dr. Georg Metzendorf, markiert diese größte und schönste Siedlung in Deutschland den Übergang von der „tradierten Fürsorge für die Kruppianer zu einer umfassenden Sozialpolitik“.

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Der Bau der Margarethenhöhe war ein Jahrzehnte währendes bauliches Experiment, da der Architekt durch Regierungserlass von allen Bauvorschriften befreit war. Vieles von dem, was er hier erproben konnte, fand später Einlass in die deutschen Normen und Bauordnungen. Alle Leitlinien des heutigen, mit öffentlichen Mitteln geförderten Wohnungsbaus – Mischung der Funktionen (Wohnen-Arbeit-Erholung), Stadt der kurzen Wege, Angebundenheit an den öffentlichen Personen-Nahverkehr, maßvolle Verdichtung der Bebauung, Sozialpflichtigkeit der Bodenverhältnisse – wurden auf der Margarethenhöhe bereits im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts realisiert und geben auch heute noch ein höchst lebenswertes Wohnumfeld ab. Trotz der für heutige Verhältnisse eher „engen“ räumlichen Verhältnisse gehört die Margarethenhöhe immer noch zu den begehrtesten Adressen in Essen, und das bestimmt nicht nur wegen der günstigen Mietpreise.

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Etwas Zeit blieb uns noch, und es sollte, konnte und durfte einfach nicht sein, Essen zu verlassen ohne nicht wenigstens von außen einen Blick auf das Weltkulturerbe Zeche Zollverein geworfen zu haben, die seinerzeit weltgrößte Kohlengrube, wenn man auch an Rhein und Ruhr nie „Grube“ dazu sagt.

Im Angesicht dieser wirklich kollossalen Anlage dachte ich noch „Wenn wir da ein bisschen drumrum gehen können…”, meine Frau erwies sich als geduldig, und die Zeche Zollverein als überaus gastfreundlich: Das Außengelände ist auf schier endlos scheinenden, z. T. in luftiger Höhe angelegten Wegen vollständig kostenlos zu erforschen und bietet Ausblicke und Perspektiven, die man sich kaum träumen lassen könnte.

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Das alles kann man bei freiem Eintritt durchwandern? Und Anwohner, Nachbarn und frühere Kumpel können Tag für Tag dort übers Weltkulturerbe spazieren oder ihren Lumpi Gassi führen? Ja, alles das geht dort, in Essen, im Weltkulturerbe.

Da könnte sich manch anderes Weltkulturerbe ein Scheibchen von abschneiden, wenn es an Akzeptanz und emotionaler Verwurzelung in der Bevölkerung interessiert wäre. In Völklingen kostet ein dreiviertelstündiger Spaziergang durch die Induststriewildnis des „Paradies’“ 12 Euro – selbst wenn Du nur Hartz IV hast. Geh da mal jeden Tag durch, mit oder ohne Hund, is egal. Obwohl, wenn Du in Völklingen mit Hund durch könntest, …würde der Hund vielleicht nur die Hälfte kosten. Natürlich sagt man in Völklingen zu Recht, dass das hier nicht ginge: die Bereiche lassen sich nicht baulich trennen, sodass man gestaffelte Eintrittspreise verlangen könnte. Geht in Essen auch nicht. Da stehen lediglich (sehr freundliche) Sicherheitsmitarbeiter an den „Übergängen“ von einem zum anderen Bereich und kontrollieren, ob die Karte „passt“, die man gelöst hat. Und schwupps ist man durch, und schon geht’s weiter.

Über eine mit 54 Metern Länge (oder waren es 58?) längste Rolltreppe Europas kommt man – immer noch kostenlos – auf 24 Metern Höhe in die ehemalige Kohlenwäsche, kann sich dort ein bisschen umsehen und entscheiden, ob man für 2 Euro hoch zur 45 Meter hoch gelegenen Panorama-Plattform steigen (inkl. Film alle halbe Stunde und computer-animierte Führung durch alle 42 „Ankerpunkte der Route Industriekultur”) oder sich für etwas mehr Geld Karten für verschiedene Ausstellungen kaufen will.

Von oben gibt es dann Blicke übers Ruhrgebiet, die in Worten zu beschreiben mir nicht gegeben ist: Dutzende Halden mit grandiosen Gipfelinszenierungen und Fördergerüste sind zu sehen, die Innenstadt von Gelsenkirchen und und …

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Den Kulturhauptstadt-Rummel haben wir links liegen lassen – wir kamen auch so schon viel später und hungriger auf dem Völklinger Heidstock wieder an als wir uns das vorher ausgemalt hatten. Wir sahen Plakate, auf denen des „Ruhr-Jahrs 2010“ als Essener „Stadtuntergangsjahr” gedacht wird – den Städten und Gemeinden in NRW fehlt das nötige Geld genauso wie denen hier an der Saar. Aber: Essen lohnt. Fahren Sie ruhig mal hin; Essen ist eine unprätentiöse Stadt. Oder wenn Sie mal in der Gegend sind, machen Sie „’ne Biege”.

[ Ein erstes Pop-Art-Bilder der Margarethenhöhe finden Sie hier. ]

[ zu einem Pop-Art-Bild von Zollverein aus dem Jahr 2005 ]

Und hier geht es zu den offiziellen Seiten von:

[ Museum Folkwang ]

[ Siedlung Margarethenhöhe ]

[ Weltkulturerbe Zeche Zollverein ]


P. S.: Besonderer Dank gilt an dieser Stelle Dieter Schumann, der die Fotos von diesem Tag rettete, die meine Camera aus unerfindlichen Gründen mit unleserlichen JPEG-Markern abspeicherte und die er nach langem Mühen meinerseits ganz einfach in lesbares Format übertragen hat. Seine überaus sehenswerten Fotoarbeiten finden Sie hier.

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