1. Ringvorlesung in der Völklinger Hütte

Der Reigen ist eröffnet. Im Veranstaltungsflyer und auf der Website des Weltkulturerbes (letzter Check ca. 18 Uhr) war als Veranstaltungsort nur lapidar „Gebläsehalle oder Erzhalle” angegeben, und wie erwartet , war nicht ausgeschildert, so dass ich als alter Hase anstatt umher zu irren schnurstracks zum Ticketschalter bin und einfach dumm gefragt habe. Es war die Gebläsehalle, eine Wegbeschreibung erübrigte sich und die Drehkreuze waren offen; so hatte ich keine Probleme, pünktlich da zu sein. Das war leider nicht allen so leicht vergönnt, so dass es erst mit dem obligaten und selten so passenden „akademischen Viertel” Verspätung losgehen konnte. Wie immer waren die ersten beiden Stuhlreihen für geladene VIP’s reserviert, von denen aber gut die Hälfte der Veranstaltung fernblieb. Das kann und muss man verstehen; imerhin haben die meisten davon um 19 Uhr schon längst Feierabend.

Nach einleitenden Worten von Völklingens Oberbürgermeister Klaus Lorig, Saarbrückens Universitätspräsident Linneweber und den Hauptinitiatoren der Ringvorlesungen Prof. Henry Keazor und den Herren Nils Peiler und Dominik Schmitt eröffnete Generaldirektor Dr. Meinrad Maria Grewenig die Vorlesungsreihe in der Völklinger Welterbestätte und verblüffte zumindest mich, indem er nicht das erwartete Lamento über die Fínanzierungsnöte und -zwänge eines solchen, weltweit einzigartigen Denkmals anstimmte. Stattdessen stellte er geschickt das Herkulische seiner Aufgabe in den Mittelpunkt der Rede und versäumte nicht, vielgestaltig auf die Bravour zu verweisen, mit der diese gestemmt wird. Dabei brachte er es fertig, die Völklinger Hütte in einem Atemzug nicht nur mit anderen Welterbestätten zu nennen, sondern sogar mit der Londoner Modern Tate Gallery, dem Pariser Louvre und dem Guggenheim in Barcelona; Fotos mit beeindruckenden Promis wurden eingestreut – Chapeau.

Desweiteren reflektierte Grewenig über den Begriff der Industriekultur, den sehr weit zu fassen er sehr wohl bereit war, wobei das Naheliegende seiner Aufmerksamkeit – und der meisten anderen Protagonisten der „Industriekulturszene” zu entgehen scheint: Nahezu alle Bereich unserer Kultur und unseres Alltags sind mittlerweile industriellen Strukturen unterworfen, und in dem Zusammenhang erscheint zumindest der Blick zurück so ganz besonders wichtig, um zu sehen: Wie geht Industrie, wie kam sie, wie funktioniert sie, wie strukturiert sie eine Stadt, eine ganze Region, ein Land, die ganze Welt? Gibt es (noch) Alternativen?

Das alle Aspekte unseres Lebens umfassende Industriezeitalter ist nicht zu Ende; es fängt gerade erst an. Werfen Sie einen Blick um sich: Was in Ihrer Heimstatt, an Ihrem Arbeitsplatz, ist nicht industriell gefertigt? Vielleicht das alte Buffet in der Küche, ein paar zu Nippes verkommene Stücke in Regalen und Vitrinen, ein selbstgestrickter Pullover irgendwo ganz tief unten im Schrank? Wer macht die Lebensmittel, aus denen Sie Ihr Essen zubereiten, Ihre Kleidung, die Möbel, das Spielzeug für Ihre Kinder? – Handwerker? Und wenn Sie sich zerstreuen wollen, nehmen Sie dankbar die Angebote der Unterhaltungsindustrie in Anspruch oder vertrauen sich denen der Tourismusindustrie an. Aber diese Fragen stellte heute Abend so keiner; bestenfalls wurden Nebenaspekte dessen hauchzart gestreift.

Dr. Grewenigs Defintionsangebot für „Industriekultur” mündete im selbst erteilten Auftrag zur Kultur- und Wissensvermittlung. Und wenn auch das sehr weit gefasst scheint, mutet es mich doch gelind eindimensional an: Dient es zu mehr als der Rechtfertigung des Science-Center-Konzepts? Trotzdem: Grewenigs Vision, einen quasi kulturell omnipotenten „Third Place” in alten Industrieruinen zu schaffen, könnte einer der Fäden sein, die nicht zu verlieren zumindest kein Schritt in eine grundfalsche Richtung wäre, besonders, wenn man den Begriff des Third Places in der Weise versteht, wie es Marketingstrategen der Fitnesswelle verstanden haben, die vor Zeiten aus den USA zu uns schwappte, und deren Kernstrategie darin bestand, gerade Fitness- oder Wellnessstudios als „third places” zu etablieren, als dritten Ort neben Wohnen und Arbeiten, als das, was früher mal die Kneipe war, der Verein, die Familie, die Clique, die Kirche… . Doch hier blieb’s letztlich mehr oder weniger diffus, nebulös, wolkig…

Die Erfolgsgeschichte der Völklinger Hütte als Unesco-Weltkulturerbe und Herrn Dr. Grewenigs unbestreitbaren Anteil daran will ich damit indes keinesfalls schmälern, meine aber, dass der Begriff der Industriekultur noch nicht abschließend definiert ist und dass Grewenig zumindest damit Recht behält, dass diese Definition heute noch so wenig entschieden ist und schwer fällt wie die der Kunstgeschichte, bevor diese als eigenständige Wissenschaft etabliert war. Und: Dass über eine Definnition der Industriekultur als Wissenschaft entschieden werden muss. Oder eben darüber nicht entschieden werden kann, und schon haben wir eine neue Wissenschaft, in der verschiedene Richtungen gegeneinander wetteifern, das… kennt man ja aus anderen Elfenbeintürmen. Und schlauer wäre man so schnell dann auch nicht, aber schön wär’s schon, eine solche Wissenschaft namens „Industriekultur” zu haben, mit Lehrstühlen, Diplomen, internationalen Kongressen und dem ganzen Kladderadatsch. Auf Dauer… würden wir dann doch, langsam zwar, aber letztlich immer schlauer.

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Herr Grewenig bot im Anschluss an seinen Vortrag an, Fragen aus der Hörerschaft zu beantworten. Klaus-Peter Fox, früher erster kaufmännischer Direktor des Weltkulturerbes gewesen, stellte die von Dr, Grwenig behauptete Komplettheit der Hütte in Hinsicht musealer Aufarbeitung der Eisenproduktion in Frage, indem er auf die eklatanten Dokumentationslücken anspielte, die zu den Zeiten und Sachverhalten der beiden großen Kriege immer noch bestehen. Der Generaldirektor des Weltkulturerbes Völklinger Hütter verstand es, diese Klippe nonchalant zu umschiffen und auf die immensen Anstrengungen zu verweisen, die mit der Aufklärung der Historie verbunden seien, fand sogar zu diesen „Aspekten” noch Anekdotisches kund zu geben, und beantwortete auch Herrn Fox’ Frage nach dem Versanden der Ganser-Kommision locker mit einem Verweis auf Delf Slotta, der genau zu diesem Thema, der Entwicklung der Industriekultur im Saarland als Gesamtes (neben der „Erfolgsgeschichte” der Hütte) referieren wird am 9. 11..

Ein weiterer „Fragesteller” nutzte die Gelegenheit, kund zu tun, er selbst habe die Ringvorlesungen der Uni Saarbrücken erfunden, die Uni hätte ihm die Idee geklaut und Herrn Grewenig hätte er auch einen Brief geschrieben, was dieser ohne Not zugab, aber glaubhaft zu Protokoll geben konnte, er habe diesen nie beantwortet. Das kann ich bestätigen; Briefe zu beantworten gehört nicht zu seinen Angewohnheiten. Herr Keazor bedankte sich für den Hinweis auf die gestohlene Idee und die Besuche des Fargestellers auf allen bisher stattgefundenen Ringvorlesungen. – Wär’ der nach vorne gegangen und hätte irgendwen auf dem Podest an der Krawatte gezupft und gefragt: „Wer hat’s erfunden?”…, aber so… Er ging dann auch und wartete nicht noch auf Wein und Brezeln. Was wohl dumm war, weil mancher hätte ihn bestimmt gerne gefragt, wer er sei und was da war. Aber er war schon weg.

Ausnehmend gut gefiel mir Klaus-Peter Fox’ überaus berechtigter Seitenhieb auf Oberbürgermeister Lorig, dessen letzte industriekulturelle Großtat der Abriss des unter Denkmalschutz stehenden Gasometers in Klarenthal war, der als „schiefer Turm” über Grenzen und Maßen bekannt und als Landmarke unersetzlich war. War. Er ist nicht mehr.

{Ein Bild mit ihm, am Rande,
im Industrielandschaftsgefüge des Saartals,
finden Sie hier}.

Danach ging’s an die Labung (O-Ton Keazor), „Der Wein ist gut” (Grewenig). Ich schnappte mir eine Brezel und erklomm die Aussichtsterrasse in der Gebläsehalle. „Staatsgeschenke” sind weitgehend abgebaut, „Die Kelten” noch nicht eingezogen, so dass es endlich mal wieder den so selten gewordenen und schmerzlich vermissten freien Blick durch die schier unendlich scheinenden Weiten der Halle gab – immer wieder überaus beeindruckend, auch wenn die Fenster verhängt bleiben.

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Die Hütte bleibt und wird – trotz allem immer mehr – ein Ort, an dem man gar nicht oft genug sein und den man gar nicht genug Menschen zeigen und näher brigen kann.

Mein Fazit: Industriekultur und der Diskurs um sie und ihre Begrifflichkeiten, sowie die Auseinandersetzung mit ihr auf allen Ebenen, nicht zuletzt der künstlerischen, sind nicht nostalgischem Interesse geschuldet, sondern können uns helfen, uns selbst in unserer Zeit und der uns umgebenden Welt besser zu verstehen und – wie man neudeutsch so gern, so schön und so schön dumm sagt – uns zu verorten.

Verorten Sie sich wohl!

Bevor ich heim fuhr, stromerte ich noch ein wenig im Dunkeln und knipste umher …

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Die Ringvorlesungen der Universität des Saarlandes im Weltkulturerbe Völklinger Hütte gehen noch bis in den Februar des nächsten Jahres und finden i.d.R. dienstags statt; das genaue Programm finden Sie hier; ich freu’ mich, wenn wir uns dort vielleicht einmal begegnen. Nächsten Dienstag, wenn Prof. Scholdt über den reichen Niederschlag referiert, den die saarländische Industrie in der heimischen Literatur gefunden hat, werde ich leider nicht dabei sein können. Ich muss mich in Nordrhein-Westfalen herumtreiben. Aber bei Delfs Vorlesung am 9. November und der ab 17 Uhr vorangehenden „Erlebnisführung” über Teile des Hüttengeländes mit Nils Peiler, da sind wir da – allengah, galla!?

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